{"id":32797,"date":"2018-08-01T19:26:46","date_gmt":"2018-08-01T17:26:46","guid":{"rendered":"https:\/\/yachtskipper.eu\/yachtueberfuehrung-kiel-mallorca\/"},"modified":"2022-05-23T10:18:13","modified_gmt":"2022-05-23T08:18:13","slug":"yachtueberfuehrung-kiel-mallorca","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/old.yachtskipper.eu\/es\/yachtueberfuehrung-kiel-mallorca\/","title":{"rendered":"Yacht\u00fcberf\u00fchrung  Kiel &#8211; Mallorca"},"content":{"rendered":"<h1>Yacht\u00fcberf\u00fchrungen sind keine Badeausfl\u00fcge. Lesen Sie hier, wie es uns auf einem 2.500 Seemeilen-T\u00f6rn nach Mallorca erging&#8230;<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1 &#8211; Cuxhaven, Amerikahafen, Juni 2018<\/p>\n<p>In Gedanken waren wir schon auf der Nordsee. H\u00e4tte sich das Schleusentor der <em>Alten S\u00fcd<\/em> in Brunsb\u00fcttel am Nachmittag nicht nur eine halbe Meile vor uns geschlossen, wir w\u00e4ren an diesem Abend sicher noch rausgekommen. Doch das riesige, schwarze Tor war ganz langsam zugefahren. Der Schleusenmeister hatte vielleicht einfach nicht warten wollen und deshalb nur ein Schiff geschleust: Die <em>Toucan V<\/em>, eine britische 50 Fu\u00df-Yacht, die uns schon am Tiessenkai in Holtenau aufgefallen war, und von der man jetzt nur noch den Mast \u00fcber die Mauern der Schleuse ragen sah.<\/p>\n<p>Auf der Elbe lief zu diesem Zeitpunkt der letzte brauchbare Ebbstrom ab. Er h\u00e4tte uns in einem Rutsch mit rausnehmen k\u00f6nnen, so wie er die Toucan V mit rausgenommen hat. Wir h\u00e4tten die Nordsee und den Nordwind erreicht, h\u00e4tten uns nachts an den Ostfriesischen Inseln vorbeigeschoben, am Tage an Hollands und Belgiens K\u00fcsten \u2013 und w\u00e4ren schon im \u00c4rmelkanal gewesen.<\/p>\n<p>Als wir endlich aus der Schleuse kamen wurde uns klar, dass wir die Tide verpasst hatten. Wir liefen noch die Elbe hinunter bis Cuxhaven und gingen in den Amerikahafen rein, bevor der Gegenstrom kam. Wir wollten nur diese Flut abwarten, wir glaubten fest an unseren Plan.<\/p>\n<p>Als wir einen Wetterbericht auffingen, bekamen wir mit, dass sich die Bedingungen verschlechtert hatten. Besonders in der Flussm\u00fcndung w\u00fcrden die Wellen hoch und steil gegen den Strom auflaufen. Es k\u00f6nnte hart werden, zu hart f\u00fcr dieses Schiff, f\u00fcr diese Crew. Wir brauchten etwas, bis wir einsahen, dass wir zu sp\u00e4t waren. W\u00e4ren wir doch nur fr\u00fcher geschleust worden, dann w\u00e4ren die Dinge anders gekommen! Nun mussten wir warten, bis der Nordwest nachlassen w\u00fcrde. Nun hatten wir viel Zeit im Amerikahafen.<\/p>\n<p>Bei Tag sah ich mich um: Ein weitl\u00e4ufiges, kaum befahrenes Hafenbecken. Ein paar Schwimmpontons f\u00fcr Yachten. Ein riesiger, roter Zollkatamaran. Das Trockendock der <em>M\u00fctzelfeldwerft<\/em>, auf dem der Name in dicken, wei\u00dfen Lettern prangte. Ein St\u00fcckgutschuppen, ein Tiefk\u00fchllager, ein Kapit\u00e4nshaus aus rotem Backstein mit einem Baum davor. Erst jetzt bemerkte ich dahinter einen verspielten Bau, eine Halle mit Turm, fast ein Schl\u00f6sschen. An der Elbseite schloss ein Galeriegang an, der bis zum Anleger im Fluss reichte. Auf der anderen Seite, hinter dem Schl\u00f6sschen ging es auch noch weiter: Ein lang gestrecktes Geb\u00e4ude. Daneben gras\u00fcberwachsene Gleise. Ein Bahnsteig, von einer Holzpergola \u00fcberdacht. Ohne Frage: Ich stand vor einem alten Bahnhof, der im Dornr\u00f6schenschlaf lag.<\/p>\n<p>Ich kletterte auf den Bahnsteig, blickte durch die Scheiben in eine der Hallen: Holzparkett. Eine Kuppel. Verzierte T\u00fcren. Gerahmte Schwarzwei\u00dffotos von Atlantikdampfern. Ich begriff, dass sich durch diesen vergessenen Ort einst Str\u00f6me von Auswanderern geschoben haben m\u00fcssen. Was f\u00fcr ein Ereignis im Leben, im besten Zwirn, die letzten Meter auf europ\u00e4ischem Boden, noch ein Getr\u00e4nk zum Abschied an der Bar, dann den Galeriegang entlang, durch den Zoll, bereit zur Ausreise in die neue Welt. An der Kaimauer, im Elbstrom festgemacht, wartete die Imperator, der Passagierdampfer, der einen in die neue Welt \u2013 nach New York oder Boston bringen w\u00fcrde. Ich blickte in eine menschenleere Halle und doch sah ich auch sie, die Auswanderer.<\/p>\n<p>Ein Schiffshorn riss mich aus den Gedanken. Ich ging die grasbewachsenen Gleise entlang und musste unwillk\u00fcrlich schmunzeln. Niemand mehr da.<!--nextpage--><\/p>\n<div class=\"n module-type-text diyfeLiveArea \">\n<p>16. Juni 2018. Ijmuiden aan Zee, Holland<\/p>\n<p>Schon eineinhalb Tage nach Cuxhaven, auf der H\u00f6he von Den Helder, setzte der S\u00fcdwestwind kr\u00e4ftig ein. Als der Strom dagegen lief wurde die See ruppiger. Die Amara machte einen Bockssprung nach dem anderen, teilte die Wellen mit harten Schl\u00e4gen. Ich war erleichtert, als die Eigner sich das nicht l\u00e4nger anh\u00f6ren konnten: Sie wollten nun doch nicht bis in den \u00c4rmelkanal fahren, sondern in Holland einlaufen. Es war ihre Entscheidung. Zwar war ich hier zum Kapit\u00e4n ernannt worden, aber wenn es nicht gerade gef\u00e4hrlich wird, \u00fcberlasse ich solche Entscheidungen meinen Auftraggebern, es ist ja ihre Yacht.<\/p>\n<p>Es war grau und regnerisch, typisches Nordseewetter. Durch den Dunst war schon das Stahlwerk zu sehen. Aus den Schloten quoll Rauch, der in einer waagerechten Linie abzog. Eine andere Yacht, keine Meile entfernt, m\u00fchte sich wie wir gegen den Wind, man sah ihren Rumpf immer wieder hochspringen.<\/p>\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter nahmen uns die Molen des Vorhafens auf wie ein riesiges Maul, das uns vor der See besch\u00fctzen wollte. Ein Frachter, ein Schlepper und ein Kreuzfahrtschiff liefen noch vor uns durch, dann konnten wir hinter den Mauern der Seaport Marina in Ijmuiden festmachen.<\/p>\n<p>Der Blick auf die Wetterkarte gab uns Gewissheit: Zuviel S\u00fcdwest. Wir w\u00fcrden hier zwei Tage h\u00e4ngen, mindestens. Einerseits war ich erleichtert, dass wir nun nicht auf der Nordsee gegen Dreimeterwellen anrammen mussten, andererseits weckt Ijmuiden aan Zee in mir immer Fluchtinstinkte. Es ist so trostlos hier\u2026 Woran es liegt kann ich nicht sagen. Vielleicht am Wind? Zumindest bl\u00e4st der S\u00fcdwest immer, wenn ich hier bin, sonst g\u00e4be es ja auch keinen Grund anzuhalten. Er fegt \u00fcber den Strand und die D\u00fcnen und nimmt den feinen Nordseesand mit. Hinter den verwitternden Pavillons findet man kaum einen gesch\u00fctzten Ort, und es ist niemals still: Immer heult es durch die Riggs unz\u00e4hliger Yachten, l\u00e4sst einige Fallen h\u00f6her, andere tiefer schlagen, eine irre Trommelgruppe. Obwohl man gerade an solchen Orten Zuspruch braucht, ist er dort schwer zu bekommen: Man kann nirgendwo telefonieren; es rauscht am H\u00f6rer und man versteht nichts und man wird auch nicht verstanden.<\/p>\n<p>Mich fr\u00f6stelte es. Ich nahm mir vor, es diesmal anders anzugehen, ein neuer Anfang. Immerhin ist diese Marina der einzige Yachthafen Amsterdams, der direkt an der See liegt. Er beherbergt eine ganze Flotte sehenswerter Schiffe, und mir liegen doch H\u00e4fen und Schiffe &#8211; und Menschen, die mit ihnen fahren.<\/p>\n<p>Schon am n\u00e4chsten Morgen wollte ich nur noch weg. Die Vorstellung einen ganzen Tag in dieser Ein\u00f6de zu verbringen war doch zu erdr\u00fcckend. Was lie\u00df sich hier auch tun? An Bord ist es naturgem\u00e4\u00df eng, und alle Orte, an denen man sich sonst aufhalten konnte \u2013 das Hotel in der Marina oder eine der Strandbuden, sind \u00fcberteuert oder windig.<\/p>\n<p>Ich teilte der Crew meinen Entschluss mit, nach Amsterdam zu fahren. Niemand wollte mich begleiten. Kein Problem, zum Gl\u00fcck gibt es einen Bus, der einen bis Sloterdijk bringt. Von dort ist man per IC in zehn Minuten in der Stadt.<\/p>\n<p>Als mich Amsterdam Centraal ausspuckte, hatte ich den festen Vorsatz mal wieder das Rijksmuseum zu besuchen, doch wo befand es sich noch?<\/p>\n<p>An einer Bude, vor der Touristen zu einer Grachtenfahrt anstanden, hing ein Stadtplan. Sehensw\u00fcrdigkeiten waren darauf mit Bildchen markiert. Ich fand das Rijksmuseum im S\u00fcden der Altstadt, dar\u00fcber fiel mir aber noch das Bild eines anderen Geb\u00e4udes auf: Heet Scheepvaartmuseum \u2013 zu Fu\u00df keine Viertelstunde entfernt.<\/p>\n<p>Das nationale niederl\u00e4ndische Schifffahrtsmuseum ist ein festungsartiger Bau mit dicken Mauern und vier Fl\u00fcgeln. In der Mitte liegt ein Innenhof, der mit Glas \u00fcberzogen ist wie ein riesiges Gew\u00e4chshaus ohne Pflanzen. Ich hatte geahnt, dass dieses Museum in Holland kein Nebenschauplatz sein w\u00fcrde, dazu sind Schiffe hier zu wichtig. Doch so einen Ort hatte ich nicht erwartet: Es war dort hell und einladend wie in der Lobby einer Computerfirma. Und man wurde \u00e4u\u00dferst h\u00f6flich begr\u00fc\u00dft, als ob es sich nicht um alte K\u00e4hne, sondern um den Zugang zu einem Staatsgeheimnis handelte.<\/p>\n<p>Ich betrat einen Raum voller gespensterhaft beleuchteter Gallionsfiguren. \u00dcberbleibsel vergangener Schiffe, in ungewollter N\u00e4he zueinander vereint. Eine stumme Schar, den Blick, wie es sich f\u00fcr eine Gallionsfigur geh\u00f6rt, auf das unab\u00e4nderliche Schicksal gerichtet.<\/p>\n<p>Ein anderer Raum unter k\u00fcnstlichen, funkelnden Sternen zeigte alte Navigationsinstrumente: Peilscheiben, Oktanten, Sextanten, Kompasse, Fernrohre, Lote, Loggen. Werkzeuge der Entdecker, pr\u00e4sentiert wie Reliquien.<\/p>\n<p>Der dritte Raum widmete sich der Geschichte der Yachten, von der ersten, noch milit\u00e4risch genutzten Jagt zur Piratenverfolgung im 16. Jahrhundert, bis zu heutigen Racern mit Schwenkkielen. 80 Modelle in einer riesigen Vitrine \u00fcber- unter- und nebeneinander. Eine zeitlose Flotte, die durch den Weltraum segelt, die \u00e4ltesten Schiffe zuerst.<\/p>\n<p>Auch im Raum der Atlanten war D\u00e4mmerlicht. Hier wurden Jahrtausende alte Karten im Original ausgestellt. Die \u00e4ltesten auf Pergament, gezeichnet nach den Vorstellungen von Ptolem\u00e4us. Es lie\u00df sich erkennen, welche Teile der Welt noch gar nicht entdeckt waren: Amerika fehlte, Afrika war eine Insel, die nur aus dem Norden bestand. \u00dcberall in die Karten waren Zeichnungen eingef\u00fcgt: Schiffe, St\u00e4dte, Fische, Winde. Von diesen naiv anmutenden Karten der Welt ging es weiter zu den feineren, bereits kolorierten des Mittelalters, und noch weiter zu solchen, die sich in ledergebunden Atlanten des 17. Jahrhunderts befanden, zum Beispiel aus der Werkstatt des Herrn Blaeuw aus Amstelredam, seines Zeichens Kartenmaler. Ihm hatten Seeleute von fernen K\u00fcsten erz\u00e4hlt. Er erfasste die Welt immer genauer. Die dicken B\u00e4nde waren an Adelsh\u00e4usern beliebt. Man wollte etwas \u00fcber die Welt erfahren und sie be-fahren. Die Holl\u00e4nder zog es in den Fernen Osten, doch ihnen fehlte noch das Wissen dar\u00fcber. Die Portugiesen hatten dieses Wissen bereits, weswegen aus Amsterdam sogar Spionagetrupps nach Lissabon entsandt wurden.<\/p>\n<p>Es waren auch lokale Karten zu sehen. Amsterdam liegt an der Ij, das ist der heute eingedeichte Wasserarm, der von der Zuidersee &#8211; dem heutigen Ijsselmeer &#8211; an Amsterdam vorbei nach S\u00fcden reicht, bis hinein nach Haarlem. Wenn die Amsterdamer in See stechen wollten, mussten sie erst den Weg durch die Zuidersee nehmen, um dann au\u00dfen rum bei Texel die Nordsee zu erreichen.<\/p>\n<p>Amsterdam &#8211; heute der viertgr\u00f6\u00dfte Hafen Europas &#8211; hatte eben keinen direkten Zugang zur Nordsee. Erst im 19. Jahrhundert wurde damit begonnen ihn auszuheben. Englische Arbeiter haben ihn gegraben. Wenn man die heutigen Dimensionen des Noordzeekanals sieht, mit der gr\u00f6\u00dften Schleuse der Welt und dem Industriehafen Ijmuiden kann man es kaum glauben, aber auf den mittelalterlichen Karten ist es noch zu erkennen: Zwischen Nordsee und der s\u00fcdlichen IJ war fr\u00fcher ein Kaff namens Beuernryck, das eine Kirche besa\u00df. S\u00fcdlich davon war nichts als Sand und D\u00fcnen.&nbsp;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag lief ich durch die Marina und wusste mal wieder nicht, wohin mit mir. Der Wind heulte, die Fallen klapperten, der Sand flog einem ins Gesicht. Der Sand war doch nichts anderes als der Versuch der Natur, sich den Ort zur\u00fcckzuholen. Ich sah einem Tanker auslaufen. Der Mensch hat diesen Hafen geschaffen, ihn ausgegraben, bepoldert, geflutet, in ihrer urspr\u00fcnglichen Form war die Landschaft nicht mehr zu erkennen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag liefen auch wir aus. Als wir im Vorhafen das Gro\u00dfsegel setzen wollten, kam uns ein riesiger Saugbagger in die Quere. Wir gaben ihm Raum, aber er fuhr nicht an uns vorbei, beschleunigte nicht. Warum er ewig brauchte, bis er endlich verschwand, wir wussten es nicht. Vielleicht hatte er einfach zu viel Sand im Schiffsbauch. Zuviel Sand, den er aus einem Hafen gesaugt hatte, um ihn in der Nordsee zu verklappen, und der bald von Tide und Wind zur\u00fcckgetragen werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Endlich stand unser Gro\u00dfsegel und wir konnten abfallen. Ich drehte mich um. Die Silhouetten des Stahlwerks, die Kr\u00e4ne, die Bohrt\u00fcrme in den Docks. Ich atmete auf, dass ich diesem so unwirtlichen Ort entkommen war. Irgendwann werden dort sicher wieder Sand und D\u00fcnen sein.<\/p>\n<\/div>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<p>Finisterre, Iroise-See, Brest, 22.06.2018<\/p>\n<p>Nach Ijmuiden segelten wir an Rotterdam vorbei, liefen nachts durch die H\u00f6lle des Fahrtenseglers, die Zufahrten der Containerh\u00e4fen von Vlissingen, Antwerpen, Zeebr\u00fcgge und D\u00fcnkirchen, und erreichten gegen Mittag des verregneten n\u00e4chsten Tages die Stra\u00dfe (in diesem Fall doch eher Strafe) von Dover. Die Gesichter unserer Eigner waren besorgt, als wir uns bei starkem Wind von vorn und Gezeitenstrom von achtern durch die Meeresenge bissen. Die beiden h\u00e4ngen an ihrer AMARA, pflegen sie stets liebevoll und rechnen sie augenzwinkernd mit zur Familie. Sie leiden einfach, wenn der Seegang durch den Rumpf bis ins Rigg schl\u00e4gt, doch nur so hatten wir eine Chance der Nordsee und der n\u00e4chsten Schlechtwetterfront zu entkommen. Wir blieben also auf Kurs, machten Meile f\u00fcr Meile gut. Bei Calais kam die Sonne heraus, aber das lie\u00df die Wellen nur noch aggressiver wirken. Zwei Yachten, die mit uns aufgekreuzt waren, gaben auf: Sie wendeten und liefen vor dem Wind davon. Als wir uns gerade fragten, wie lange wir noch durchhalten w\u00fcrden, waren wir mit einem Mal durch die D\u00fcse durch: Die See beruhigte sich und bald kreuzten wir vorm Cap Griz Nez auf, erleichtert und gl\u00fccklich. Wir ahnten ja auch noch nicht, dass uns in der Nacht dichter Nebel umh\u00fcllen und unser Radar zwischen Fischtrawlern und Containerschiffen verr\u00fcckt spielen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber auch das \u00fcberstanden wir: Bei Sonnenaufgang war der Nebel pass\u00e9, der Luftdruck stieg an, der Wind drehte auf Nord, und wir zogen im \u00c4rmelkanal nach Westen voran.<\/p>\n<p>Bei D\u00e4mmerung segelten wir hoch am Wind an Cherbourg vorbei, passierten in der Nacht die Kanalinseln. Am n\u00e4chsten Tag zog uns der Parasailor nach S\u00fcdwesten. Als die Mitsommernacht kam, befanden wir uns schon n\u00f6rdlich von Roscoff, am Nordufer der Bretagne. Noch vor Sonnenaufgang erreichten wir die Iroise-See, durchquerten den Kanal von \u201eLe Four\u201c und liefen bei einsetzender D\u00e4mmerung in die&nbsp;Bucht von Brest ein. Wir h\u00e4tten von der Insel Ouessant aus auch direkt \u00fcber die Biskaya gehen k\u00f6nnen, doch nach 5 Tagen konnten wir ein paar Vorr\u00e4te gebrauchen \u2013 und eine M\u00fctze voll Schlaf.<\/p>\n<p>Die Einfahrt nach Brest wird mir immer vertrauter: Das St\u00e4dtchen Camaret Sur Mer an Steuerbord; die betonnten Filettes-Untiefen; mit Moos bewachsene Felsen mit verwitterten Gesch\u00fctzstellungen; die m\u00e4chtige Marineschule \u00fcber der Bucht; die unzerst\u00f6rbaren U-Bootbunker der Nazis; das Expeditionsschiff mit 4 riesigen Parabolantennen. Die auf Felsenr\u00fccken liegende, wiederaufgebaute Stadt; die M\u00fcndung des Penfeld-Flusses \u2013 der uralte, erste Hafen, mit den dar\u00fcber aufragenden Pylonen der Br\u00fccke der Erholung.<\/p>\n<p>Wir liefen unter deutscher Flagge in Brest ein. Ich kann es nicht \u00e4ndern, beim Anblick der 50er Jahre-Architektur bin ich jedes Mal wieder befangen; es ist doch unfassbar, was die Nazis dieser Stadt angetan haben. Ich erz\u00e4hlte der Crew von der Zerst\u00f6rung im Zweiten Weltkrieg. Das Schloss, unter dem wir festmachten, ist eines der wenigen Geb\u00e4ude, das den Krieg \u00fcberstanden hat. Es war Ostwind, bestes Wetter, was diesem von Meer umgebenen Ort so etwas wie kontinentale W\u00e4rme beschert. Leider hatten wir nicht vor, zu bleiben: Schon am Nachmittag des n\u00e4chsten Tages sollte uns das Hochwasser mit auf die Biskaya nehmen.<\/p>\n<p>Wir entsalzten das Boot, putzten, wuschen, kauften ein f\u00fcr die kommende Strecke. Am Abend wollte ich noch ins legend\u00e4re Hotel Vauban, um eine Band zu sehen oder mal wieder ein paar Bretonen an der Bar zu treffen. Als ich jedoch die ersten Stufen der Treppe Richtung Oberstadt gegangen war, sp\u00fcrte ich die Ersch\u00f6pfung. Ich ging zur\u00fcck Bord und fiel in meine Koje.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen blieben nur noch ein paar Stunden bis zur Abfahrt. Ich ging in eines der Caf\u00e9s im Hafen. Auf den Au\u00dfenpl\u00e4tzen war nur ein einziger Stuhl unbesetzt. Daneben sa\u00df eine Frau, die nicht wie eine Hafenarbeiterin aussah: Schlank, lange braune Haare, ein blaues Kleid mit durchsichtigen \u00c4rmeln. Ich setzte mich, sie nahm keinerlei Notiz von mir. Irgendwann erkundigte ich mich, ob die Gesch\u00e4fte f\u00fcr Schiffszubeh\u00f6r in Brest auch am Sonntag ge\u00f6ffnet h\u00e4tten. Wie ich denn darauf k\u00e4me, fragte sie. In Frankreich habe am Sonntag alles geschlossen, bis auf die Gastronomie. Ich entgegnete, dass die Gesch\u00e4fte in England am Sonntag ja auch ge\u00f6ffnet h\u00e4tten. Sie sagte, dass sie schon lange nicht mehr in England gewesen sei, aber dringend etwas f\u00fcr ihr Englisch tun m\u00fcsse. Und dass sie aus Brest sei und in einem Krankenhaus arbeite, doch nur in der Buchhaltung. \u201eNur\u201c deshalb, weil viele Menschen, entt\u00e4uscht seien, keine \u00c4rztin oder Krankenschwester vor sich zu haben. Sie wollte dann auch wissen, was ich in Brest tat. Ich erw\u00e4hnte, mit einer Yacht aus Amsterdam gekommen zu sein, und dass ich am Abend wieder fahren w\u00fcrde. Als sie begriff, so eine Art Seemann vor sich zu haben, sagte sie fast schon abwehrend, dass sie damit gar nichts am Hut h\u00e4tte, sie sei rein zuf\u00e4llig in diese Hafen- und Seefahrerstadt geboren, aber das sei es dann auch. Ich gab zu, dass ich an Bord auch meist in einer M\u00e4nnerwelt lebe, Frauen k\u00e4men darin praktisch kaum vor, besonders auf langen Fahrten. Sie zitierte ihren Vater, der zu meiner \u00dcberraschung immerhin Kapit\u00e4n der Handelsschifffahrt war:<\/p>\n<p>\u201eFrauen an Bord sind wie Karnickel!\u201c Ich schmunzelte und fragte, ob sie das auch so sehe. Sie r\u00e4umte ein, dass es in Frankreich doch auch Frauen wie Florence Arthaud gebe, eine Offshore-Seglerin, die landesweit als la petite fianc\u00e9e de l\u2019Atlantique bekannt war \u2013 die kleine Verlobte des Atlantiks. Leider sei sie mit einem Helikopter abgest\u00fcrzt, das habe viele Menschen betroffen gemacht. Ich merkte an, dass auch mein Vater zur See gefahren sei. Im zweiten Weltkrieg, als junger Marinesoldat. Er sei auch in Brest gewesen, auf einem deutschen Panzerkreuzer. Sie blickte mich fragend an. Es sei ja alles zerst\u00f6rt worden, fuhr ich fort, es gebe ja kaum noch alte H\u00e4user. Sie sah mich weiter fragend an. Es kam mir nur schwer \u00fcber die Lippen: Ob sie den Deutschen grolle \u2013 wegen der Zerst\u00f6rung ihrer Stadt.<\/p>\n<p>Sie zuckte die Schultern:<\/p>\n<p>\u201eWas vorbei ist, ist vorbei. Wir sind nicht verantwortlich f\u00fcr die Taten derjenigen, die vor uns gelebt haben.\u201c Sie hatte den Satz so dahin gesagt, aber ich war wie erl\u00f6st.<\/p>\n<p>Irgendwann musste sie los. Ob wir uns nachher noch mal sehen k\u00f6nnten, fragte ich, am fr\u00fchen Nachmittag, auf einen Kaffee.<\/p>\n<p>\u201cWarum nicht?\u201c, antwortete sie und stand auf. Ich sah ihr nach und dachte. Typisch franz\u00f6sisch: So ein elegantes Kleid, hier im Hafen, wo sich die Fischkisten stapelten. Jetzt sah ich, dass sie ihre d\u00fcnne Jacke vergessen hatte. Ich lief ihr nach, erreichte sie an ihrem Auto:<\/p>\n<p>Sie bedankte sich.<\/p>\n<p>\u201eHab ganz vergessen, Dich nach deinem Namen zu fragen. Sagst Du ihn mir?\u201c<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelte:<\/p>\n<p>\u201e Bien sur \u2013 si vous revenez, Marin\u2026 Je m`apelle Barbara\u2026\u201c<!--nextpage--><\/p>\n<p>Cascais, Portugal, 1. Juli 2018<\/p>\n<p>Von Brest aus haben wir drei Tage \u00fcber die Biskaya gebraucht. Raume nordwestliche Winde haben die AMARA weiter an der galizischen und portugiesischen K\u00fcste nach S\u00fcden geschoben. Nach 6 Tagen und 5 N\u00e4chten erreichten wir Cascais, das zwischen Atlantik und Tejo-M\u00fcndung liegt.<\/p>\n<p>Als wir in der Marina festmachten, war ich noch Teil des Meeres, zumindest erschien mir das Land beim Anblick noch zu statisch und die B\u00fcrokratie am Empfang einfach grotesk. Gl\u00fccklicherweise herrscht in Portugal ein Temperament vor, das zur Entspannung neigt: Ein anderer, ruhigerer Takt als im Norden. Das zeigt sich dem Ank\u00f6mmling, wenn er aus der gesicherten Marina heraustreten will: Um ein automatisches Tor zu passieren, muss man auf einen Knopf dr\u00fccken, doch es geschieht zun\u00e4chst nichts. Erst nach Sekunden ert\u00f6nt ein Surren, nach weiteren beginnt sich das Tor wie in Zeitlupe zu \u00f6ffnen. Irgendwann ist der Spalt breit genug und man kann hindurch schl\u00fcpfen. Das Tor \u00f6ffnet sich noch weiter und bleibt hinter einem f\u00fcr eine Weile offen. Im Gehen kann man es dann wieder Surren h\u00f6ren, wenn es sich schlie\u00dft. Noch seltsamer wurde es im St\u00e4dtchen. Die Menschen, meist Touristen, wirkten gelangweilt und satt auf mich, beinahe apathisch. Wie eine tr\u00e4ge, lebens\u00fcberdr\u00fcssige, aber bis zum Letzten konsumwillige Masse schoben sie sich durch die Gassen. Sicher waren sie nicht schlecht, es muss wohl eher mit meiner eigenen inneren Anspannung zu tun haben, die man nach Tagen auf dem Wasser bekommt und die sich nicht gleich wieder abbaut. Irgendetwas an einem wird da drau\u00dfen kleiner und dem\u00fctiger. Man nimmt nichts als gegeben hin in seiner Nussschale. Man f\u00fchlt sich ja schon sicher, wenn es nur noch 50 Meilen zum Land sind. Und man ist allein daf\u00fcr dankbar, dass man wieder festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen hat.<\/p>\n<p>Cascais ist nicht irgendein Ort f\u00fcr Seefahrer. Es ist eine Huk, die einen vor den Wellen aus dem Norden sch\u00fctzt, ein Zufluchtsort und Ankerplatz, von wo aus man schon immer in alle Welt aufbrach, auch heute noch.<\/p>\n<p>An unserem Ankunftstag traf ich Christian, meinen Freund aus Hamburg. Christian hatte den Auftrag angenommen, die WISH von Cascais nach Holland zu segeln, eine etwas herunter gekommene Fahrtenyacht, die der letzte Skipper hier geparkt hatte. Im Handumdrehen hatte Christian sich im Netz eine Crew zusammengesucht, die unterschiedlicher nicht sein konnte. Jetzt musste er feststellen, dass er mit dem fremden Schiff nicht gleich wie geplant in See stechen konnte. Zuviel war daran noch nicht in Ordnung, und w\u00e4hrend sie es mit vereinten Kr\u00e4ften zu richten versuchten, fiel ihnen immer noch mehr auf. Oft ist es ja das Wetter, das einen beim Segeln aufh\u00e4lt, manchmal aber auch das Schiff. Warten geh\u00f6rte ja auch schon immer zur Seefahrt dazu, und da gibt es schlechtere Orte als Cascais.<\/p>\n<p>Angeblich hat das portugiesische K\u00f6nigshaus das Fischerst\u00e4dtchen im 19.Jahrhundert als Sommerfrische entdeckt und die wohlhabenden Lisboetas nach sich gezogen. Noch heute kann man sie hier beobachten, wenn sie in der Marina tafeln und dem guten Leben zusprechen.<\/p>\n<p>Ich lehne am Gel\u00e4nder \u00fcber dem Praia da Rainha und versuche mir vorzustellen, wie Magellan mit seiner Flotte in See gestochen ist. Eine langer T\u00f6rn mit einem kleinen Schiff ist ja auch heute manchmal noch ein Aufbruch ins Unbekannte. Das musste auch Christian feststellen, der nach wenigen Meilen schon wieder umgekehrt war und nun in der Bucht vor Anker liegt. Der Motor machte Probleme und die Beleuchtung. Er hofft nun, dass er hier wegkommt, bevor der Nordwind wieder einsetzt.<\/p>\n<p>Irgendwie bef\u00e4llt mich in Portugal immer diese Melancholie, von der ich nicht wei\u00df, wo sie herr\u00fchrt. Ist es die Trauer um den Verlust ihrer einstigen Gr\u00f6\u00dfe, die die Portugiesen in ihrem Wesen tragen und die man sp\u00fcrt? Fr\u00fcher Entdecker und Kolonialherren in Afrika, Indien und Fernost, heute nur ein V\u00f6lkchen am Rande Europas. Sie scheinen sich sonst in ihre Rolle zu f\u00fcgen, nur gelegentlich flammt die Erinnerung auf, wie in einem alten Mann, der an seine wilde Jugend denkt.<\/p>\n<p>Nach zwei Tagen legen wir ab, um weiter nach S\u00fcden zu segeln. Ich schaue in den Tejo hinein, erheische einen Blick von Lissabons gro\u00dfer Br\u00fccke. Hinter mir liegt die Bucht von Cascais, darin ist noch immer der dunkle Rumpf der WISH zu erkennen.<\/p>\n<p>Mast- und Schotbruch, Christian! Ich hoffe, Ihr kommt gut an!<!--nextpage--><\/p>\n<div class=\"n module-type-text diyfeLiveArea \">\n<p>Alicante, 07.07.18<\/p>\n<p>Von Casacais brauchten wir einen Tag bis zum Kap Sao Vicente &#8211; der S\u00fcdwestecke der Iberischen Halbinsel. Raume Winde schoben uns von der Algarve aus auf die Stra\u00dfe von Gibraltar zu. Als die Nacht kam t\u00fcrmten sich die Wellen achteraus immer steiler auf, das war nicht allen an Bord geheuer, aber man gew\u00f6hnt sich an vieles auf See, auch an eine rasante Abfahrt.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe von Gibraltar ist stets ein Grund zur Obacht. Alles nimmt zu: Verkehr, Strom, Wind, Wellen, schlechte Sicht. Wir erreichten Tarifa am fr\u00fchen Nachmittag. Ab hier sind es 25 Meilen durch das engste St\u00fcck. Gl\u00fccklicherweise waren Strom und Wind auf unserer Seite, wir kamen ganz gut voran. Mit einem Mal blies ein Finnwal vor uns, sein massiger K\u00f6rper tauchte vor dem Bug auf und wieder ab, beinahe h\u00e4tten wir ihn &#8211; trotz eines Ausweichman\u00f6vers &#8211; gerammt. Zwei Whalewatching-Boote mit zig Touristen auf dem Oberdeck jagten ihm mit viel Gedr\u00f6hn nach. Dahinter: Containerschiffe, wie an der Perlenkette aufgereiht. Das marokkanische Ufer, die Hafenanlagen von Tanger im Dunst. Im Funk eine weibliche Stimme von Tarifa Traffic, die die Frachter mit andalusischem Akzent anrief. \u201eGood Morning Sir, what was your last port of call? How many people on board? What\u2019s your cargo? What\u2019s your destination and E.T.A.?<\/p>\n<p>Als sich die Bucht von Algeciras an Backbord \u00f6ffnete legte der Wind noch mal zu. Der Affenfelsen ragte vor strahlend blauem Himmel auf. Ein schiefer Brocken, eine Abbruchkannte, auf der menschliche Bauten wie eine Bakterienkolonie wuchern. Ganz im S\u00fcden, stirnseitig, eine riesige Moschee. Unweit davon, wie in stiller Konkurrenz, Europa Point Lighthouse, seit 1838 betrieben von Trinity House in London.<\/p>\n<p>Es pfiff um den Felsen herum, der Wind wurde noch st\u00e4rker, der mitlaufende Strom war versiegt. Die R\u00fcckenflosse eines Hais schl\u00e4ngelte sich vorbei. Auf dem Wasser war eine Grenze zu sehen, dahinter schien es zu kochen, dort lief der Strom schon gegen den Wind. Wir waren erleichtert, als wir in den Windschatten des Affenfelsens erreichten. Vereinzelte Fallb\u00f6en konnten uns nicht mehr anhaben, wir hatten das Mittelmeer erreicht.<\/p>\n<p>Als die Nacht kam lebte der Wind in der Alboransee wieder auf. Die D\u00fcse aus der Stra\u00dfe schickte uns 6-7 Windst\u00e4rken. Nun bin ich es, der Bedenken anmeldet, angesichts der steilen, dicht hintereinander laufenden Wellen&nbsp;und unserer M\u00fcdigkeit. Die Passage der Stra\u00dfe von Gibraltar hatte den Wachplan aufgel\u00f6st. Doch wir blieben drau\u00dfen, lie\u00dfen die AMARA laufen, kreuzten in langen Schl\u00e4gen vor dem Wind.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Vormittag gl\u00e4ttete sich ringsum die See. Wir setzten den Parasailor, aber dann fiel auch dieser in sich zusammen, bald motorten wir durch die Flaute.<\/p>\n<p>Als die Sonne unterging, standen wir am Cabo de Gata, \u00f6stlich von Almeria. Eine Sicherheitsmeldung erreichte uns \u00fcber Funk: 40 Afrikaner sollen hier irgendwo in einem Gummiboot treiben. Man ist aufgerufen, die Augen offen zu halten. Ein Hubschrauber der Guardia Costeria schwebte \u00fcber uns hinweg, auch ein Suchboot war im Einsatz. Wir schalteten das Radar ein, hielten Ausschau. Wie entscheide ich, wenn ich die hier drau\u00dfen treffe? 40 arme Teufel passen hier nicht an Bord, die H\u00e4lfte aber schon. Wir begegneten niemandem, au\u00dfer Fischern.<\/p>\n<p>Als wir das Kap Palos am Mittag erreichen kehrt der Wind zur\u00fcck, diesmal von vorn. Thomas und Sven trimmten die Segel mit viel Geschick, die Amara lief gut, hoch am Wind. Vor Mitternacht machten wir in Alicante fest \u2013 5 Tage nach Cascais.<\/p>\n<p>Alicante ist eine alte Bekannte. Vor 6 Jahren habe ich hier mal ein paar Monate verbracht. Es fanden damals gerade die Vorbereitungen auf das Volvo-Ocean-Race statt, es war eine Menge los. Der Platz, wo sonst die Open 60\u2018s liegen ist jetzt verlassen. Ich texte Estefania, die zu dieser Zeit in der Organisation des Rennens gewirkt hat, frage sie, ob sie spontan Zeit f\u00fcr mich hat. Ich handle mir damit zwar den Spott der Crew ein &#8211; aber der perlt an mir ab: Ich habe doch seit Wochen nur M\u00e4nner um mich, es kann doch nicht verkehrt sein, sich mal mit einer Frau zu unterhalten.<\/p>\n<p>Wir verlassen die Yacht. Nach 5 Tagen auf See muss ich mich immer ans Land gew\u00f6hnen. Alicante macht es einem da leicht. Nach einer sp\u00e4ten Mahlzeit ziehen Thomas und ich noch durch die Nacht. In der Altstadt gehen die Leute aus. Es ist trotz der sp\u00e4ten Stunden hei\u00df und voll in den Gassen, dass man sich mitunter hindurchzw\u00e4ngen muss. Das ist etwas befremdlich nach lauter Einzelwachen unterm Sternenzelt.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag gehe ich in der Brandung schwimmen, schaue Fu\u00dfballweltmeisterschaft in einem Irish Pup und warte vergebens auf ein Lebenszeichen von Estefania. Habe sie fast 5 Jahre nicht gesehen, hoffentlich geht es ihr gut. Manfred und Sven bereiten die Amara auf die letzten 160 Meilen vor. Die Strecke erscheint einem angesichts der bereits gefahrenen Meilen fast schon winzig, aber Vorsicht, man sollte den Respekt nie verlieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gegen Mitternacht legen wir ab. Bei nord\u00f6stlichen Winden \u201aklammern\u2018 wir uns an die Costa Blanca, um Gegenwind und Welle klein zu halten. Wir ziehen vorbei am Kap L\u2019Horta, an Benidorm, Calpe, verlassen die K\u00fcste 5 Meilen vorm Cap de la Nao.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die Berge hinter uns im Dunst verschwinden, erreicht mich eine Textnachricht von Estefania: \u201eIch w\u00fcrde mich freuen, Dich zu sehen\u2026\u201c<\/p>\n<p>Wir sind wieder auf dem Meer, ohne Landsicht. Der Wind schl\u00e4ft am Nachmittag ein. Ibiza und Formentera kommen am Abend in Sicht, wir durchqueren die Meerenge zwischen den Inseln bei Anbruch der Nacht unter Motor. Der Mond ist noch nicht aufgegangen, die Milchstra\u00dfe leuchtet unwirklich sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Am Morgen kehrt der Wind zur\u00fcck, was an Bord stets mit gro\u00dfer Freude aufgenommen wird. Umrisse Mallorcas tauchen aus dem Dunst auf. Der Wind legt weiter zu, wird achterlich. Wir kreuzen in die Bucht von Palma, erreichen El Arenal am fr\u00fchen Nachmittag. Zwei fr\u00f6hlich winkende Frauen warten auf der Pier. Sie sind erleichtert ihre M\u00e4nner in die Arme zu schlie\u00dfen. Ich freue mich mit ihnen, packe dann meine Badesachen, um endlich ein paar Bahnen zu schwimmen, ich brauche das nach soviel Zeit auf engstem Raum. Ich gehe \u00fcber die Uferstra\u00dfe zum Strand. Deutsche Zeitungen, deutsches Essen, deutscher Provinzmief: Man segelt 2.500 Meilen und endet am Ballermann, wo es weniger international ist als auf Sankt Pauli. Ich quetsche mein Handtuch an den Strand, wo Flyer herum wehen. Ich lese einen auf: Almklausi tritt heute Abend im Megapark auf, danach ist Wet-T-Shirt-Night. Ich wate ins Wasser, das voller Menschen ist, die herumliegen wie in einer riesigen Badewanne. Ich schwimme raus, ziehe meine Bahnen zwischen zwei Tonnen. Mir f\u00e4llt ein, dass man im S\u00fcden des Archipels vor ein paar Tagen einen Wei\u00dfen Hai gesehen hat. Wird schon nicht ausgerechnet hier rumschwimmen, denke ich und bem\u00fche mich dennoch, nicht zu hart einzutauchen.<\/p>\n<p>Ich trockne am Strand in der Sonne. Mir f\u00e4llt auf, dass es an diesem Strand kein einziges Kind gibt. Ich schlie\u00dfe die Augen. Erst ist es nur ein spitzer Schrei, dann rufen viele Menschen durcheinander. Ich schaue aufs Wasser: Die Badenden fliehen in heller Panik ans Ufer. Dahinter spritzt es, wird aufgew\u00fchlt, immer wieder gellen Schreie. Irgendjemand br\u00fcllt \u201eDa ist er! Der Hai!\u201c<\/p>\n<p>Ich wache auf. Muss wohl kurz eingenickt sein. Bin ja auch ersch\u00f6pft vom T\u00f6rn, &nbsp;3 1\/2 Wochen von Cuxhaven.<\/p>\n<\/div>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yacht\u00fcberf\u00fchrungen sind keine Badeausfl\u00fcge. 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